ein aufklärender versuch das thema "ikea in altona" der artikel aus der zeit und die eine oder andere diskussion mit euch und vielen anderen leuten haben mich immer wieder vor die frage gestellt, wie man eigentlich die interessen der "gegner ikeas" wirklich gut argumentiert. in diskussionen fiel das immer schwierig, weil die gegenargumentation jedes mal eine andere war. dieser text soll ein möglichst leicht verdaulicher lösungsversuch für dieses problem sein. vorneweg noch etwas zum artikel in der zeit und ein paar damit einhergehenden kommentaren: mir geht's nicht darum, wie blöd oder naiv sich die ikea-gegner anstellen (wie einige behaupten) oder wie ineffizient sie für ihre sache geworben haben. auch das sich die anwohner wenig für subkulturelle kunst interessieren ist mir klar. und ob die abstimmung gekauft wurde oder nicht, spielt für mich keine rolle, weil sie es wahrscheinlich nicht wurde. sie wurde aber organisatorisch nicht konsequent durchgeführt (keine ja/nein frage). und das ist auf jeden fall zu hinterfragen.
in der großen bergstraße geht es gerade darum, dass man die straße und damit den in den letzten jahren etwas verkommenen stadtteil wieder beleben möchte. den leuten vor ort geht es darum, dass ihr stadtteil lebenswerter wird, und natürlich dass sie mehr kohle verdienen - soweit so gut. nun werden sie vor die wahl gestellt: entweder sie bekommen eine ikea-filiale vor die nase gesetzt, welche zweifelsohne shopping touristen anziehen würde und damit die große bergstraße mit laufpublikum füllen soll - klingt verlockend einfach. oder sie entscheiden sich dagegen. da aber kein ernstzunehmendes und für den unbedarften altonaer einfach verständliches und wirtschaftlich interessantes alternativkonzept massenwirksam kommuniziert wurde, wäre die entscheidung gegen ikea eher eine dumme. warum sollte man auch gegen ikea sein? ikea ist nicht böse, zumindest bekommt man davon nix mit. ich jedenfalls hatte vor dieser geschichte keinerlei abneigung gegen ikea, außer vielleicht gegen ikea-only-wohnungen. auch jetzt sind meine abneigungen bis auf den punkt mit der vereinheitlichung des wohn-designs nicht konkret begründet, sondern mehr aus der wut darüber entstanden, dass hier meiner meinung nach nicht sehr klug gehandelt wird. ikea wird (oder würde) in der großen bergstraße eine filiale eröffnen, die sich nur kaum von den anderen unterscheidet. das bedeutet, dass dort das normale sortiment mit schränken, küchen und betten verkauft wird. diese sachen müssen mit dem auto transportiert werden, und angeblich soll der dadurch entstehende verkehrszuwachs auch kein problem sein, schließlich hat der karstadt-komplex zu guten zeiten auch mehr als 3.000 autos am tag angelockt. die autofahrer werden vermutlich größtenteils aus den zentrumsnahen stadtteilen kommen, ein weiterer großer teil werden shopping-touristen von weiter außerhalb sein - endlich den einkaufsbummel in der stadt mit dem ikea-einkauf kombinieren. nur ob sie den einkaufsbummel dann in der noch eher unattratkiven großen bergstraße, der zu fuß erreichbaren ottenser dorf-straße oder der mit dem auto nur einen katzensprung entfernt liegenden mönckebergstraße erledigen, bleibt offen. und selbst wenn die große bergstraße dann nach einiger zeit aufgewertet wird und mehr konsumenten den stadtteil frequentieren, bleibt immer noch die frage von welchen läden die straße dann besiedelt wird. die wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass es große handelsketten sein werden, die die günstigen gewerberäume gerne übernehmen und sich zu anfang auch ein verlust-geschäft leisten können. und genau hier stellt sich die frage, ob diese entwicklung den stadtteil wirklich attraktiver machen würde. oberflächlich ja, und für die einnahmen von vielen leuten und unternehmen wäre das erstmal auch nicht schlecht. doch die definition von attraktivität dreht sich in diesem fall nicht um kurzfristige gewinnzuwächse, sondern um die frage, wie städte nachhaltig attraktiv, lebenswert und sozial gerecht gestaltet werden können. das sehen zum einen die künstler so, und aus einer leicht anderen perspektive sieht auch die stadtpolitik inzwischen ein, dass für den internationalen standortwettbewerb das vorhandensein von - nennen wir es - kreativen milieus essentiell ist. denn diese führen im gegensatz zu austauschbaren shopping-paradiesen kurz- und langfristig zu lebenswerten stadtbereichen, in denen sich zugezogene, innovativ denkende menschen gerne niederlassen. und eben jene sind ja, so die politiker, der allgemeinen erkenntnis nach die wichtigste ressource für die angestrebte wissensgesellschaft. kreative und politik sind sich also eigentlich einig, haben ihre motivation aber aus sehr unterschiedlichen gründen. die kreativen kritisieren natürlich die marketing-denke der politik. das ist auch gut, da man um dinge optimieren zu wollen immer am ball bleiben muss und die prozesse immer wieder hinterfragen sollte. auch die vordergründig positive, neue haltung der stadtpolitik. ein problem dieser sich überschneidenden interessen von kreativen und politik ist, das sie noch nicht sehr verbreitet sind. richard florida war einer der vorreiter dieser entwicklung, und inzwischen gibt es etliche menschen und institute, die sich damit beschäftigen welche faktoren städte im internationalen vergleich attraktiver als andere machen. fast jeder weiß, dass die attraktivsten städte der welt, new york, san francisco, london, berlin, paris, tokyo usw., deswegen so beliebt sind, weil dort extrem viele hoch- und subkulturelle energien durch die straßen fließen. in deutschland sieht man den erfolg - der bekannterweise nicht nur positive seiten mit sich bringt - in stadtteilen wie der schanze, ottensen, st. georg, prenzlauer berg, kreuzberg, mitte usw. in der realität blicken die meisten politiker bei stadtentwicklungsmaßnahmen natürlich noch immer als erstes auf die aktuellen finanzen. so anscheinend auch die politiker in altona. und genau da setzt meine kritik an der geringen aufklärung an: sowohl die politiker als auch viele bürger wissen von diesen dingen nichts oder können der argumentation nichts abgewinnen. wie auch: diese erkenntnisse sind kompliziert zu vermitteln, noch sehr neu und anders, und auch ihre langfristikgeit ist eher ungewohnt. vielleicht hat die stadtpolitik einfach keine lust mehr, sich im haushaltsbericht noch schlechter dargestellt zu sehen und dafür noch mehr schelte zu bekommen. schließlich hat man ja nun schon für die elbphilharmonie einiges einstecken müssen (auch das gängeviertel war nicht unbedingt billig) und daher wiegen die neuen erkenntnisse der stadtpolitik eventuell nicht genug auf, um von übereilten handlungen abzusehen. höchstwahrscheinlich hat es aber wirklich nur an einem gut kommunizierten und ernsthaftem alternativkonzept gefehlt. ein konzept, das jeder versteht, und das klar macht, dass ein stadtteil lebenswerter wird, wenn er sich mit hilfe von fördergeldern natürlich und kreativ entwickelt, als wenn er von einem kapitalorientiertem stadtentwicklungskonzept geprägt wird. auch ikea hat hier eine chance vertan, sich nachhaltig in die köpfe der konsumenten zu bringen. man hätte zusammen mit den künstlern, z.b. unter ikeas schirmherrschaft und mit deren finanzieller unterstützung, ein neuartiges, extrem medienwirksames stadtentwicklungskonzept für die gesamte große bergstraße erarbeiten können, in dem auch ikea mit einem mittelgroßen concept-store und einer sozial verantwortlichen unternehmenseinstellung (CSR) elegant untergebacht worden wäre. hier wenden einige sicher ein, dass unternehmen keine politik machen sollten. machen sie aber. jeden tag. nur verstecken sie es wegen der inhalte lieber unter dem mantel des lobbyismus anstatt die positive wirkung von sozialem engagement auf das umsatzwachstum mehr in den mittelpunkt zu rücken. noch ist in der großen bergstraße nichts besiegelt und man kann nur hoffen, dass sich die straße wieder zu einem bunten treffpunkt aller bevölkerungsschichten entwickelt und dem stadtteil zu einem wirtschaftlich nachhaltigem aufschwung verhilft. schließlich leben in hamburg 43% prozent aller kinder unter der armutsgrenze.
daran sollte man etwas ändern.
© leo rehberg, 2010 |